„Du darfst mich berühren.“
Vielleicht zögerst du trotzdem einen Moment.
Meine Blätter erinnern an die Brennnessel.
Gezähnt. Grün. Vertraut.
Vielleicht erwartet deine Hand schon das Brennen.
Doch es kommt nicht.
Ich trage keine Brennhaare.
Ich muss mich nicht verteidigen.
Vielleicht haben mir die Menschen deshalb diesen Namen gegeben.
Taubnessel.
Eine Nessel, die nicht brennt.
Aber wenn du nur auf meine Blätter schaust, übersiehst du vielleicht das Schönste an mir.
Meine Blüten.
Weiß stehen sie zwischen dem Grün, wie kleine geöffnete Münder. Tief in ihnen verborgen liegt süßer Nektar.
Nicht jeder erreicht ihn.
Hummeln und andere langrüsselige Besucher wissen genau, wo sie ihn finden.
Vielleicht hörst du sie schon, bevor du mich wirklich siehst.
Dieses tiefe Summen zwischen meinen Blüten.
Ich wachse an Wegrändern, unter Hecken, an Mauern und dort, wo Menschen mich häufig kaum beachten.
Ich brauche keinen besonderen Platz.
Und vielleicht ist genau das mein Wesen.
Ich bin da.
Still.
Weich.
Und voller Leben.
Als die Taubnessel zu mir kam
Wolf-Dieter Storl erzählt immer wieder davon, dass Pflanzen zu den Menschen kommen.
Lange wusste ich nicht, was er damit meint.
Bis eines Tages die Purpurrote Taubnessel im Rasen meiner Mutter auftauchte.
Nicht eine einzelne Pflanze.
Sie war plötzlich überall.
Ich kannte sie bis dahin nicht. Zumindest hatte ich sie noch nie bewusst wahrgenommen. Und doch hatte ich auf einmal das Gefühl, als wollte diese kleine Pflanze meine Aufmerksamkeit.
Als würde sie sagen:
Schau mich an.
Also begann ich, mich mit ihr zu beschäftigen.
Ich lernte sie kennen, sammelte einige ihrer Pflanzen, trocknete sie und setzte daraus ein Mazerat an. Später entstand daraus eine Körperbutter.
Und irgendwo auf diesem Weg war etwas passiert.
Aus einer Pflanze, die ich zuvor nicht einmal wahrgenommen hatte, war eine Pflanze geworden, die ich nicht mehr aus meinem Leben verschwinden lassen wollte.
Ich wollte die Taubnessel dauerhaft bei Anja • Pflanze & Haut haben.
Doch die Purpurrote Taubnessel stellte mich vor ein Problem: In der Qualität, die ich für meine Produkte benötige, konnte ich sie getrocknet nicht beziehen.
Also begann ich wieder zu suchen und zu lesen.
Und dabei begegnete mir ihre Schwester:
die Weiße Taubnessel – Lamium album.
Auch sie blickt auf eine lange Geschichte als Heilpflanze zurück und wird traditionell unter anderem im Zusammenhang mit Haut und Schleimhäuten beschrieben.
So wurde aus meiner Begegnung mit der Purpurroten Taubnessel schließlich die Entscheidung für die Weiße.
Und manchmal denke ich, dass Wolf-Dieter Storl vielleicht genau das meint, wenn er davon spricht, dass Pflanzen zu uns kommen.
Vielleicht beginnt eine Begegnung nicht immer mit der Pflanze, die am Ende bleibt.
Vielleicht öffnet uns eine Pflanze einfach eine Tür.
Und hinter dieser Tür wartet die nächste.
Eine Nessel, die nicht brennt
Auf den ersten Blick könnte man sie tatsächlich mit einer Brennnessel verwechseln.
Ihre Blätter stehen sich paarweise gegenüber, sind herzförmig und am Rand deutlich gezähnt.
Doch wer sie berührt, merkt schnell den Unterschied.
Die Taubnessel besitzt keine Brennhaare.
Sie brennt nicht.
Vielleicht verdankt sie genau diesem Unterschied ihren deutschen Namen: Taubnessel – eine Nessel, deren vermeintlicher Stachel „taub“ geblieben ist.
Botanisch allerdings ist sie mit der Brennnessel gar nicht näher verwandt.
Die Weiße Taubnessel gehört zur Familie der Lippenblütler – und ihre Blüten verraten das sofort.
Schon ihr botanischer Name – Lamium album – erzählt davon.
Album bedeutet „weiß“ und beschreibt die Farbe ihrer Blüten.
Lamium wird häufig mit dem griechischen Wort laimos für „Schlund“ oder „Rachen“ in Verbindung gebracht.
Wer einmal ganz nah in eine Taubnesselblüte geschaut hat, versteht, woher diese Vorstellung kommen könnte.
Wie ein kleiner geöffneter Mund sitzt die weiße Lippenblüte zwischen den grünen Blättern.
Und tief in ihrem Inneren wartet etwas, das nicht für jeden erreichbar ist.
Nektar.
Vor allem Hummeln besuchen die Taubnessel gern. Mit ihrem langen Rüssel gelangen sie tief in die Blütenröhre und erreichen den süßen Vorrat.
Vielleicht ist deshalb einer ihrer alten Namen besonders schön:
Bienensaug.
Schon Hildegard von Bingen kannte die Taubnessel unter einem ähnlichen Namen.
Und plötzlich wirkt diese Pflanze, die am Wegrand so leicht übersehen wird, gar nicht mehr still.
Um sie herum summt es.
Es krabbelt.
Es lebt.
Vielleicht ist die Taubnessel also gar nicht still.
Vielleicht muss man nur nah genug herangehen, um ihre Welt zu hören.
Eine alte Begleiterin der Menschen
Auch die Taubnessel gehört zu jenen Pflanzen, die Menschen schon seit Jahrhunderten kennen und nutzen.
Ihre Blüten und das Kraut fanden Eingang in die traditionelle Pflanzenheilkunde. Besonders die Weiße Taubnessel wurde als Frauenpflanze geschätzt, aber auch in Zubereitungen für Haut und Schleimhäute verwendet.
Dabei war sie nie eine kostbare, seltene Pflanze.
Im Gegenteil.
Sie wuchs dort, wo auch die Menschen lebten.
An Hecken.
Auf nährstoffreichen Böden.
An Wegrändern.
In der Nähe von Häusern und Siedlungen.
Vielleicht liegt darin etwas, das mich an vielen unserer alten Heilpflanzen fasziniert.
Sie verstecken sich nicht an unerreichbaren Orten.
Oft wachsen sie direkt vor unseren Füßen.
Und trotzdem können wir jahrelang an ihnen vorbeigehen, ohne sie wirklich zu sehen.
Bis irgendwann etwas geschieht.
Bis eine Pflanze plötzlich auffällt.
So wie die Purpurrote Taubnessel im Rasen meiner Mutter.
Eine Pflanze der Venus
Bei Wolf-Dieter Storl begegnet uns die Taubnessel noch auf einer anderen Ebene.
Er beschreibt sie als eine Pflanze, die Venus zugeordnet wurde.
Das finde ich zunächst überraschend.
Denn wenn wir an Venus denken, denken wir vielleicht an Rosen.
An Schönheit.
An Duft.
An etwas Auffälliges und Verführerisches.
Und dann steht da diese kleine Taubnessel am Wegesrand.
Doch vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, genauer hinzusehen.
Ihre Blüten sind zart.
Ihr Nektar liegt tief verborgen.
Sie lässt sich berühren, ohne sich mit Brennhaaren zu verteidigen.
Und seit langer Zeit ist sie mit der Frauenheilkunde verbunden.
Vielleicht zeigt sich Venus hier nicht als laute Schönheit.
Sondern in einer anderen Form.
In Sanftheit.
In Hingabe.
In etwas, das nicht um Aufmerksamkeit bittet und trotzdem seinen eigenen Wert kennt.
Ich mag diesen Gedanken.
Denn er passt zu einer Pflanze, die man leicht übersehen kann – und die doch eine ganze Welt offenbart, sobald man beginnt, sich mit ihr zu beschäftigen.
Von Purpur zu Weiß
Meine Geschichte mit der Taubnessel begann mit Purpur.
Doch für meine Produkte sollte sie schließlich weiß werden.
Die Purpurrote Taubnessel hatte mich auf diese Pflanzenfamilie aufmerksam gemacht. Durch sie begann ich zu lesen, auszuprobieren und mich mit der Taubnessel zu beschäftigen.
Als ich später nach einer Möglichkeit suchte, dauerhaft mit ihr zu arbeiten, stieß ich auf die Weiße Taubnessel.
Ihre lange Tradition als Heilpflanze und ihre besondere Verbindung zur Haut machten mich neugierig.
Und so entstand nach und nach die Idee für einen eigenen Balm.
Heute kaufe ich die getrocknete Weiße Taubnessel für meine Mazerate gezielt ein. Die Pflanzen, die mir draußen oder auf meinem Balkon begegnen, dürfen etwas anderes sein:
Begegnungen.
Beobachtungen.
Erinnerungen daran, wo alles angefangen hat.
Denn am Anfang stand keine Produktidee.
Am Anfang stand eine kleine purpurfarbene Pflanze im Rasen.
Eine Pflanze, die ich vorher nie bewusst wahrgenommen hatte.
Und die plötzlich überall war.
Die Stille
Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass der Taubnesselbalm bei mir den Namen „Die Stille“ trägt.
Die Taubnessel musste nie laut werden, damit ich sie bemerkte.
Sie musste nur erscheinen.
Und warten.
Vielleicht liegt darin etwas, das Pflanzen besser können als wir Menschen.
Sie drängen sich nicht auf.
Sie erklären sich nicht.
Sie stehen einfach da.
Und manchmal kommen sie genau in dem Moment in unser Leben, in dem wir bereit sind, sie zu sehen.
Vielleicht hatte Wolf-Dieter Storl recht.
Manchmal suchen nicht wir die Pflanzen.
Manchmal finden die Pflanzen uns.
🌿 Zum Schluss möchte ich dir noch etwas mit auf den Weg geben …
Wenn du das nächste Mal eine Taubnessel siehst, geh nicht gleich weiter.
Vielleicht hältst du sie zunächst für eine Brennnessel.
Dann geh ein wenig näher.
Schau auf ihre Blüten.
Beobachte die Hummeln, die tief in ihnen nach Nektar suchen.
Und vielleicht berührst du vorsichtig eines ihrer Blätter.
Es wird dich nicht brennen.
Vielleicht entdeckst du dabei eine Pflanze, die du schon hundertmal gesehen hast, ohne ihren Namen zu kennen.
Und vielleicht verstehst du dann, was es bedeuten kann, wenn eine Pflanze plötzlich in dein Leben tritt.
Nicht laut.
Nicht spektakulär.
Sondern so still, dass du erst im Nachhinein bemerkst:
Sie wollte gesehen werden. 🌿
🌿 Zum Taubnesselbalm